Erfahrung rettet Kinderleben
München/Frankfurt 22.12.08 ¬ Zum Überleben brauchen frühgeborene Kinder vor allem eins: die Erfahrung kompetenter Ärzte und die Ausstattung spezialisierter Kliniken. Aktuelle Studien belegen, dass das Überleben und die Gesundheit von Frühchen mit einem sehr geringen Geburtsgewicht von unter 1.500 Gramm erheblich davon abhängig sind, in welchem Krankenhaus sie geboren und behandelt werden. Die European Foundation for the Care of Newborn Infants (EFCNI) und der deutsche Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e.V. fordern daher gemeinsam die Einführung einer jährlichen Mindestmenge von 36 sehr kleinen Frühgeborenen als Voraussetzung für so genannte Perinatalzentren, solche Kinder überhaupt behandeln zu dürfen. Über einen entsprechenden Antrag hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in einer Plenums-Sitzung am 18. Januar 2008 in Berlin zu entscheiden.
„Es geht nicht um das Ob, sondern nur um das Wie“, unterstrich Dr. Rainer Hess als Vorsitzender des Gremiums die Bereitschaft aller Beteiligten zur Verbesserung der Frühgeborenenversorgung in Deutschland. Allerdings sei es wichtig zunächst die Rahmenbedingungen zu definieren, bevor über eine jährliche Mindestanzahl von sehr kleinen Frühgeborenen entschieden werden könne. Hess brachte einen Vorschlag ein, im Rahmen eines Gesamtkonzepts eine Systematisierung der Wege in bestimmte Zentren zu erreichen, die für die Behandlung von Frühgeborenen besonders geeignet sind. Er wirkte damit Irritationen entgegen, die im Vorfeld der Sitzung um das höchst sensible Thema entstanden waren. Jetzt in einem ersten Schritt lediglich solche Krankenhäuser von der Versorgung auszuschließen, die nur gelegentlich sehr kleine Frühgeborene behandeln, sei als Einstieg in die kontinuierliche Verbesserung der Versorgung zu verstehen. Gelegenheitsversorgung soll auf Beschluss des G-BA, der zum 1. April 2009 in Kraft tritt, mit der Vorgabe einer Regelmäßigkeitszahl von 12 behandelten Kindern pro Jahr ausgeschlossen werden. Im Laufe des kommenden Jahres sollen jedoch weitere Maßnahmen der
Qualitätssicherung geprüft werden, einschließlich der Einführung einer Mindestmenge.
Dass sich die Voraussetzungen zur Einführung einer Mindestmenge letztlich bestätigen werden, davon zeigten sich auch die Vertreter der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) überzeugt. Diese betonten, bereits im letzten Jahr durch entsprechende eigene Antragstellung die Diskussion erst wieder in
Gang gesetzt zu haben. Das vorgeschlagene Gesamtkonzept müsse daher zum 1. Januar 2010 in Kraft treten.
„Den Vorschlag zur Entwicklung eines Gesamtkonzepts begrüßen wir außerordentlich“, sagte dazu Hans-Jürgen Wirthl, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes „Das frühgeborene Kind“. Ein übergreifendes Konzept, das die verschiedenen Versorgungsbereiche miteinander vernetze und auch die
niedergelassenen Frauenärzte über die Überarbeitung der Mutterschaftsrichtlinien einbinde, sei längst überfällig. „Das eröffnet außerdem die einmalige Chance, weitere wichtige Versorgungsschwerpunkte, wie eine besondere entwicklungsfördernde Behandlung und Pflege, die dringend erforderliche psychosoziale Elternbetreuung und eine standardisierte Nachsorge frühgeborener Kinder in ein solches Konzept zu integrieren“, unterstrich Wirthl die Bereitschaft seines Verbandes, sich weiterhin aktiv in die Beratungen einzubringen. Entsprechende Anregungen habe der Bundesverband dem G-BA bereits unterbreitet.
„Wir brauchen eine klare Entscheidung für den bestmöglichen Start eines Menschen ins Leben. Nur durch eine optimale Versorgung kann gewährleistet werden, dass ein Frühchen sich gesund entwickelt und die dazugehörige Familie nicht zerstört wird. Ganz abgesehen davon, dass es der Gesellschaft langfristig viel Geld spart“, begründet Silke Mader, Vorstandsvorsitzende der Stiftung, die Position von EFCNI.
Prof. Christian Poets, Political Advisory Board Mitglied von EFCNI und Chefarzt der Tübinger Kinderklinik, bezieht dieselbe Stellung: „Die Daten sind eindeutig und entsprechen dem, was der gesunde Menschenverstand sagt: Komplexe Prozesse müssen häufig geübt werden, damit sie reibungslos funktionieren. Denn: Übung macht den Meister. Der dramatische Rückgang der Säuglingssterblichkeit in Ländern, die eine Zentralisierung ihrer Neugeborenenversorgung umgesetzt haben, zeigt, was möglich ist. Im Interesse der uns anvertrauten Familien müssen wir ihrem Beispiel folgen. Man kann jedoch nicht von Kinderärzten verlangen, Kollegen das Recht zur Versorgung kleiner Frühgeborener abzusprechen. Dies erfordert eine politische Entscheidung. Nachdem die Daten seit Jahren auf dem Tisch liegen, ist diese überfällig.“
Die European Foundation for the Care of Newborn Infants (EFCNI) ist ein Netzwerk für Betroffene, aber auch ein Forum für Wissenschaftler, um die Situation der Versorgung Früh- und kranker Neugeborener langfristig zu verbessern. Damit die größte Kinderpatientengruppe Europas die Aufmerksamkeit und
Lobby bekommt, die ihr zusteht. Weitere Informationen unter www.efcni.org
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