„Hilfe holen, wo Sie können!“
„Es gibt ganz viele Ansätze, die Hoffnung machen“, sagt Gabriela Zander-Schneider von der Alzheimer Selbsthilfe e.V., wenn man sie fragt, was es Neues gibt. „Es tut sich viel. Aber wir müssen trotzdem mit den Füßen auf dem Boden bleiben, denn ob die Leute, die heute von der Krankheit betroffen sind, einen Durchbruch erleben, steht mehr als in den Sternen.“ Hoffnungsvoller Therapie-Ansatz Das gilt auch für soeben vom Pharmaunternehmen Probiodrug AG in Halle präsentierte Wirkstoffe, die in Tierversuchen das Entstehen der für Alzheimer typischen Plaques in den Gehirnzellen unterbunden beziehungsweise reduziert haben sollen. Die Wirkstoffe hemmten bei Mäusen ein Enzym, das die gefährlichen Eiweißablagerungen auslöst. „Wir wären hocherfreut, wenn man damit weiter käme“, meint Dr. Johannes Johannsen, Leiter der
Gerontopsychiatrischen Ambulanz der Rheinischen Kliniken Köln-Merheim. „Denn leider hat der vor zwei Jahren in Zürich entdeckte Impfstoff, der an Alzheimer-Mäusen die Plaques zum Schmelzen gebracht hat, beim Menschen zu Komplikationen geführt, so dass die Versuchsreihe abgebrochen werden musste.“
Auch im neu eröffneten Demenz-Forschungszentrum in Bonn arbeitet man daran, durch neue Wirkstoffe die Ablagerungen im Gehirn, die die krankhaften Signale übertragen, aufzulösen. Wie auch immer: Bis aus diesen verheißungsvollen Forschungsansätzen nach klinischen Tests ein marktreifes Medikament erwächst, wird es günstigenfalls „nur noch“ ein paar Jahre dauern; Probiodrug rechnet mit einem Zeitpunkt „in frühestens sieben Jahren“, schätzt Hans-Ulrich Demuth vom Forschungsvorstand. Immerhin ist das Unternehmen so optimistisch, dass es bereits 27 Patente für sich geschützt hat. Dennoch ist all dies im Augenblick Zukunftsmusik, und darum plädiert Gabriela Zander-Schneider, wie schon seit Jahren, für Aufklärung. „Nach wie vor wird die Krankheit oft zu spät diagnostiziert“, so die Vorsitzende der Alzheimer-Selbsthilfe e.V.,
und es vergeht kostbare Zeit - für Patienten wie für Angehörige. Auf Anzeichen achten Bei der Diagnose von Demenz oder Alzheimer ist das Vergessen das kleinste Problem, weiß Zander-Schneider. Ein ganzer Strauß von Symptomen müsse beachtet werden: Gibt der Betreffende immer mehr soziale Kontakte auf? Beteiligt er sich nicht mehr an Gesprächen? Wird er zuweilen orientierungslos? Schreibt er ständig Merkzettel, die er in seinem Umfeld verteilt?
Übt er heimlich seine Unterschrift? Fällt er durch depressive Schübe oder Launenhaftigkeit auf? Begegnet er seiner Umwelt mit zunehmendem Misstrauen?
Dies sind nur einige Fragen, die sich Betroffene, vor allem aber Angehörige stellen sollten, wenn es darum geht: Ist Vater oder Mutter eventuell an Alzheimer erkrankt? Denn die Vergesslichkeit, die als symbolhaft für die Demenz-Erkrankung gilt, kann - für sich genommen - auch andere Ursachen haben: Von Überforderung, Stress über Durchblutungsstörungen bis hin zu Schilddrüsen-Fehlfunktionen.
„Wenn einige dieser Symptome mehr als sechs Monate anhalten“, so Zander-Schneider, „dann sollte man das auf jeden Fall überprüfen lassen“. Die meisten Hausärzte sind heutzutage sensibilisiert für das Thema; allerdings ist es für Angehörige nicht immer ganz einfach, den Patienten zu einem Test zu bewegen. „Wenn Leute sich selbst oder mich fragen, ob sie gefährdet sind, kann man oft schon Entwarnung geben“, sagt Zander-Schneider aus langjähriger Beratungserfahrung. „Denn Betroffene versuchen, die Probleme so lange wie möglich zu verbergen.“
Insgesamt registriert die Expertin „Aufklärungsbedarf ohne Ende“ - obwohl das Thema längst in aller Munde ist. „Oft haben die Leute Angst, sich die entsprechenden Informationen zu beschaffen, zum Beispiel beim Amt für Senioren und Soziales, weil sie denken, da schaut einer zu genau hinter die Kulissen.“ Dabei gibt es mittlerweile zahlreiche Möglichkeiten, bei Alzheimer
zu helfen. „Man kann zwar mit Therapie keine Wunder bewirken, aber Wirkstoffe wie Memantine oder Acetycholinesterase-Hemmer können den Prozess deutlich verlangsamen, vor allem, wenn die Krankheit früh erkannt wird.“
Was Zander-Schneider aber noch viel wichtiger ist: „Angehörige sollten sich Hilfe holen, wo sie können. Es gibt heutzutage viele gute, bezahlbare Entlastungsangebote, die man unbedingt nutzen sollte.“ Denn die Pflege Demenzkranker ist eine kolossale physische und psychische Belastung, wie Gabriela Zander-Schneider aus Erfahrung weiß, weil auch sie jahrelang ihre an Alzheimer erkrankte Mutter gepflegt hat. Das geht an die Substanz, und nicht selten werden die Pflegenden von heute die Patienten von Morgen - ausgelaugt, am Rande der Kräfte.
Psychologie oft vernachlässigt
Nicht zuletzt deshalb mahnt Dr. Johannsen bei der Alzheimer-Therapie die „psychosoziale Komponente für Patienten und Angehörige“ an. Die nicht-medikamentöse Behandlung ist nach wie vor das Stiefkind der Alzheimer-Therapie, obwohl es auch hier beachtenswerte Ansätze gibt. So wurde in Bad Aibling von Dr. Barbara Romero die „Selbsterhaltungstherapie“ entwickelt. Angelpunkt dabei ist, die Biografie des Patienten mit einzubeziehen und auch die Angehörigen. Zander-Schneider: „Wenn man weiß, wie diese Krankheit funktioniert, ist es einfacher, mit ihr umzugehen. Man darf die Kranken zum Beispiel nicht überfordern, nach dem Motto: Gib dir doch Mühe, das kannst du doch! Das ist falsch und für beide Seiten frustrierend. Tatsache ist: Die Schaltvorgänge im Gehirn sind so gestört, dass der Patient tatsächlich die einfachsten Dinge nicht mehr machen kann.“ Behutsam fördern und fordern, ist hier die Devise - eine Strategie, die ebenso viel Fingerspitzengefühl wie Geduld erfordert. Und zuweilen ein dickes Fell: „Streiten Sie nicht mit dem Kranken“, rät Gabriela Zander-Schneider. „Gehen sie raus, wenn es Ärger gibt. Wenn Sie wieder herein kommen, hat der Patient die Sache schon vergessen. . .
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